Mensch Ludwig

 

oder: Wie ich die Verfassung verlor -
Eine Leidensgeschichte in 14 Bildern
Wegen Virus und Maßnahmen verschoben –
 Voraussichtliche  Premiere/Uraufführung: Ende 2021/ Anfang 2022 

Ein ungenutzter Raum im Landesgericht – zwischen ausrangiertem Möbiliar, Kartons mit vergessenen Akten und verstaubten Portraits von Richtern außer Dienst wartet der 72-jährige Friedrich Johannes Ludwig auf seine Verhandlung. Wohl versehentlich kam er viel zu früh ins Gericht. Es ist das zweite Mal, dass er vor den Richterstuhl tritt, denn der Schuldspruch aus der ersten Verhandlung traf ihn unerwartet und inakzeptabel, sodass er in Berufung gehen „musste“. Doch das lange Warten erweist sich als tückisch… 

Das Mensch-Ludwig-Projekt des KungerKiezTheaters basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich im Sommer 2016 vor dem Reichstagsgebäude zur Zeit der Diskussionen um die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages ereignete. Nach einem Disput zwischen einem türkischen Journalisten und einem deutschen Staatsbürger vor dem Reichtagsgebäude fällt in einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Polizisten scheinbar ohne jeden sinnhaften Zusammenhang ein Zitat aus einem Hitlerwitz, das nach §86 StGB strafrechtlich relevant ist. Es kommt zu einer Anklage und einer rechtskräftigen Verurteilung wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. – So weit, so gut! Jedoch – der Verurteilte ist ein bekenneder Antifaschist und ein seit vielen Jahren für die Erinnerungskultur aktiver Mensch. Ihn trifft Vorwurf und Urteil erdrutschartig. Im festen Glauben daran, es könne sich bei dem über ihn gesprochene Urteil nur um individuell menschliches Versagen der Richterin handeln, geht er siegesgewiss in Berufung. Kurz vor der nun anstehenden, zweiten Verhandlung begegnen die Zuschauerinnen und Zuschauer dem Protagonisten. Sie begleiten ihn etwas mehr als eine Stunde lang in einem kargen, als Lager umfunktionierten Raum des Gerichtsgebäudes, wohin er sich zurückgezogen hat, um auf den Beginn der Verhandlung zu warten.

Das Mono-Drama Mensch Ludwig – oder: Wie ich die Verfassung verlor lenkt den Blick weder auf den objektiven Tatbestand, noch auf den juristischen Umgang mit diesem oder die moralische und gesellschaftliche Dimension der Ereignisse. Im Mittelpunkt steht ganz und gar der Mensch.

Der Mensch existiert in sozialen, weltanschaulichen, moralischen und auch juristischen Systemen, die er selber schuf, um sich ihnen im nächsten Atemzug zu unterwerfen. Was jedoch, wenn der Mensch fehlerhaft agiert oder das System einen Fehler aufweist, und so die Abläufe ins Wanken oder gar aus den Fugen geraten? Für den Menschen Ludwig beginnt an diesem Punkt ein steiniger Weg, ein Kreuzweg, seine Leidensgeschichte, seine Passion. Die Ereignisse werden zu einer Last, einem Kreuz, das es gilt, den weiten Weg hinauf zum Berge „Golgatha“ zu tragen. Bei Ludwig handelt es sich keineswegs um einen Staatsfeind, einen Reaktionär oder Putschisten – allenfalls um einen Gelegenheits-Rebellen. Er bezeichnet sich selbstironisch als „Troublemaker“, fühlt sich aber fest verankert in der demokratischen Grundordnung, im christlichen Glaubensfundament und im westlichen Wertekonsens.  Im Laufe seines inneren Monologs gerät er zunehmend in die Nähe des Pferdehändlers Kohlhaas, den Ernst Bloch einst den Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moral nannte. Dem Menschen Ludwig erscheint plötzlich alles klar: „Fiat iustitia et pereat mundus.“ (dt.: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde.) Was wird er am Ende seines Weges finden? Was erwartet ihn auf dem Gipfel des Berges Golgatha?

Das Ein-Personen-Stück sucht bewusst Parallelen zum christlichen Passionsspiel, distanziert sich aber gleichzeitig. Als dramatische Adaption einer real-erlebten „Leidensgeschichte“ (Passion eines Menschen) in 14 Bildern (analog zum Kreuzweg) verlegt es Leiden eben nicht auf die Schultern eines vermeintlichen Gottessohnes. Leiden ist irdisch, Leiden ist menschlich, Leiden ist alltäglich.

Dem Stück liegt ein authentisches, etwa 10-stündiges Audiomaterial zugrunde, das in insgesamt 5 ab Januar 2017 in unregelmäßigen Abständen geführten Interview-Sessions mit dem Betroffenen entstand.

Großer Dank gilt an dieser Stelle Herrn Lothar Eberhardt für die offene und großzügige Bereitstellung des Interviewmaterials.

Berlin, Ende 2019

Regie: Michael Reinhold Schmitz
Text: Michael Reinhold Schmitz und Lothar Eberhardt
Dramaturgie: Katrin Heinau
Darsteller: Holger Franke


Dieses Projekt wird gefördert durch das
Amt für Weiterbildung und Kultur Treptow-Köpenick/ Dezentrale Kulturarbeit und der

Vielen Dank dafür.

 

 

Wir suchen jedoch noch weitere Unterstützer! Danke.

Fotos: sofern nicht anders angegeben Michael R. Schmitz

Datum
Fr, 14. Januar 2022, 20:00
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